Expertentipps | 29.07.2010
... oder die Kunst, die gelebten Rollen für mehr Lebensqualität zu überprüfen.
Die einen gehen pünktlich um 16.30 Uhr nach Hause. Die anderen, die Unternehmer, die Manager, die Führungskräfte starten genau dann durch zur zweiten Halbzeit. Oft ist bei der Führungskraft gar nicht daran zu denken, den Feierabend einzuläuten. Die Arbeit nimmt meist nicht ab, sondern wird immer mehr. Selbst Teile des Wochenendes oder sogar das ganze Wochenende werden genutzt, liegen gebliebene Arbeit, Planungen, das Controlling, Konzeptionen und andere Führungsaufgaben in Angriff zu nehmen.
Das private Leben kommt nicht selten immer wieder zu kurz. „Ich habe keine Zeit“ ist der wohl am weit verbreitete Satz unter Führungskräften. Die Familie zeigt erst einmal Verständnis. Das Hobby, die Freizeit und die Freunde werden meist hinten angestellt, weil man ja in leitender und führender Position rund um die Uhr im Einsatz ist. Kann diese Lebensführung überhaupt noch „Lust auf das Leben“ machen, auf Dauer die Gesundheit erhalten, die Erfolge im Beruf sichern und den Frieden mit sich und den Angehörigen bewahren?
„Ich habe keine Zeit.“ heißt in der interpretierten Version „Ich verplane meine Zeit einfach anders“. Wenn Unternehmer, Manager und Führungskräfte schleichend feststellen, dass ihre Zeitgestaltung Unzufriedenheit, Ärger, Anfälligkeiten zu Krankheiten und Blockaden auf dem Lebensweg schafft, ist wohl die Zeit gekommen, innezuhalten und einen Relaunch zu starten. Die Disidentifikation kann an dieser Stelle ein probates Mittel zur Selbstwahrnehmung und Überprüfung der eigenen Lebensweise sein. Die Übung besteht darin, die angenommenen und gelebten Rollen niederzuschreiben und zu gewichten.
Das kann zum Beispiel folgendermaßen aussehen:
Häufig setzt bereits in dieser Phase die Überraschung ein. Die Überraschung gründet sich in der Vielfalt der gelebten Rollen und Aufgaben. Die Rolle des eigenen Ichs arbeiten nicht alle heraus. Mit dieser Überraschung beginnt zugleich die Detailarbeit. Jede einzelne Aufgabe und Rolle verdient nochmals bewusst gelesen und bewusst wahrgenommen zu werden.
Nunmehr setzt die Führungskraft zur Rolle rückwärts an. Beginnend mit der zuletzt notierten Rolle und fortlaufend von zum Beispiel 8, 7, 6, usw. bis 1 zählend wird jede einzelne Rolle nach folgenden Kriterien begutachtet und geprüft: „Habe ich diese Rolle selbst angenommen?“, „Welche mir nahe stehenden Menschen sind unmittelbar in dieser Rolle eingebunden?“, „Welchen Gewinn (vor allem sozialen, ethischen, persönlichen Nutzen) ziehe ich aus dieser Rolle?“, „Welchen Preis zahle ich dafür, diese Rolle zu leben?“, „Welchen Aufwand, welche Mühen, welche Unannehmlichkeiten nehme ich in Kauf, um diese Rolle auszufüllen?“, „Was würde passieren, wenn ich diese Rolle bewusst aufgebe, reduziere und minimiere?“. Die Antworten auf die Rollen können, müssen allerdings nicht mit Punkten bewertet werden, um in einer Art Saldo abschließend im Bestand gelassen, abgeschwächt, verstärkt oder gar eliminiert zu werden. Der Führungskraft wird an dieser Stelle nahe gelegt, kritisch mit der Überprüfung der einzelnen Rollen umzugehen. Bei fehlender kritischer Überprüfung kann es sein, dass Gewohnheiten Überhand gewinnen. Falls es viele Rollen gibt, die für den Prüfenden einfach nicht wegzudenken sind, kann die Eigenprüfung ad absurdum geführt werden.
Es ist notwendig, jede Rolle einzeln zu prüfen, kritisch zu hinterfragen und für das eigene Wohlbefinden gnadenlos Frühjahrsputz zu machen. Um tatsächliche Veränderung aus diesem Prozess zuzulassen, ist eiserne Disziplin notwendig. Bei disziplinierter Überprüfung jeder Rolle, staunt die Führungskraft wahrscheinlich, wenn klar wird, wie viele Rollen schadlos eliminiert werden können. Noch nicht einmal Ansehen, Image, Wohlbefinden, Glaubwürdigkeit, Einkommen müssen zwangsläufig darunter leiden. Überrascht wird die Führungskraft außerdem feststellen, wie viel mehr Zeit mit der Disidentifikation von Rollen freigesetzt wird. Zeit für sich, Zeit, neue Energien zu schöpfen, stark zu bleiben, um für die Zukunft eine leistungsstarke, kreative Führungspersönlichkeit zu sein und zusätzlich mehr Privatleben in Harmonie und Zufriedenheit genießen zu können.
Ein Business Coach versteht dieses Anliegen der Führungskraft nach einem „Mehr an Zeit“ und er unterstützt empathisch und gezielt die Veränderungsarbeit seines Klienten. Der Klient stellt sicher, sobald er sich von einem Coach begleiten lässt, dass die Detailarbeit der Disidentifikation nach klaren Regeln abläuft und mögliche Selbsttäuschungen vermieden werden.
Georg-W. Moeller
Puchheim, 26.4.2010