Antons Gipfelblick

Kleine Anmerkungen zur Lage, Woche 34/2010

Anton's Gipfelblick | 25.08.2010

Antons Gipfelblick (Illustration: pa_visual)
Antons Gipfelblick (Illustration: pa_visual)

Der Zustand von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik fordert, ja schreit geradezu nach einer fundierten Bewertung. Für B4B OBERBAYERN übernimmt in seiner nicht immer ganz ernst zu nehmenden, stets jedoch fundierten Analyse des Ist-Zustands unser Bergfreund Anton Woche das Kommentieren des Geschehens im Lande.

Chile ist weit weg von Oberbayern. Aber das Bergwerksunglück dort erinnert daran, dass auch in unserer Gegend einmal tausende Menschen in Minen ihrer gefährlichen Arbeit nachgegangen sind. Was mich besonders berührt: Franklin Lobos , einer der eingeschlossenen Bergleute, war einmal Fußballprofi, hat sogar für die chilenische Nationalmannschaft gekickt. Was der heute 53-jährige damit verdient hat, reicht nicht aus, um seinen und seiner Familie Lebensunterhalt zu finanzieren. Also muss er in der Mine arbeiten. Wenn wir wieder einmal über verdiente Gehälter von Zweit- und Drittliga-Kickern in diesem unseren Lande nachdenken, sollten wir diese Tatsache im Auge behalten.

So hoch kann man sich gar nicht ins Gebirge zurückziehen, um den Krawall nicht mitzubekommen, den die Stuttgarter gerade machen. Aus meiner Sicht haben die Auseinandersetzungen um den Umbau des dortigen Hauptbahnhofs viel Groteskes an sich. Das fängt damit an, dass ausgerechnet bei einer Modernisierung des angeblich Parade-Öko-Verkehrsmittels Bahn die Umweltschützer ganz vorne auf den Barrikaden stehen. Man braucht sich nur für einen Moment vorzustellen, "Stuttgart 21" wäre ein Projekt zur Weiterentwicklung der Straßen- und Autobahninfrastruktur: Die Gegenbewegung könnte nicht lauter aufbegehren. (Auch in diesem Punkt hat Stuttgart, Heimat von Porsche und Mercedes, seltsamerweise übrigens auch Nachhol- bzw. Modernisierungsbedarf.) Verblüffend auch, dass die ersten Pläne für den tiefgelegten Bahnhof aus den frühen 90er Jahren stammen, im Verwaltungs- und Gerichtbarkeits-Wok gut durchgegart sich kaum verändert haben, aber erst jetzt, unmittelbar vor Baubeginn Portestbewegungen auslösen. Brauchen wir scheinbar doch immer Sichtbares, bevor wir glauben wollen? Genaugenommen: Bevor wir richtig dagegen sein können?

Worauf ich eigentlich hinauswill: Einer der Gründe für Stuttgart 21 ist die Verkürzung der Fahrzeit nach München - wo was auf die Reisenden wartet? Richtig, ein Kopfbahnhof. Vorsorglich melde ich hiermit mal meine Rechte auf "München 22" an und sammle jetzt schon fleißig Argumente dafür und dagegen. Man weiß ja nie, was nützlicher ist.

Kaum denkt man ein paar Minuten nach, lösen sich die gerade noch originellen Einfälle in Luft auf. Das mit dem Bahnhof und München - hatten wir ja schon. Hieß nur Transrapid. Und das mit dem Dagegensein, da brauchen wir nicht aufs 22. Jahrhundert zu warten. Das heißt "Olympia 2018" und läuft schon.

Die eigentliche Ironie dessen, was in Stuttgart gerade abläuft, ist die Tatsache, dass der Protest nicht zuletzt deshalb alle Bevölkerungsgruppen umfasst, weil der Neubau den Teilabriss des alten Bahnhofs einschließt. Ein steinernes Symbol für die gute, alte Zeit. Mitten im Kessel gelegen ungefähr so hübsch und wohnlich wie die Eichenkommode im Wohnzimmer von Tante Erna. Wäre er nicht dort und jemand käme auf die Idee, ein ähnlich monströses und unzweckmäßiges Teil dort hinzubauen - ich sehe schon die Protesttafeln vor mir.

Auf jeden Fall bestätigt die Demonstrationskultur der vermeintlich satten Stuttgarter City-Schwaben, dass sie tatsächlich alles können außer Hochdeutsch. Welches Gen da wohl plötlich durchschlägt? Das könnte wohl Thilo Sarrazin beantworten, der für derlei allzu menschliches Verhalten inzwischen biologische Gründe wahrgenommen haben will. Wie kommt es nur, dass Menschen, die intelligent genug wären, ihre richtigen Beobachtungen dem Wohlfühl-Mainstream entgegen zu stellen, nicht mehr auf die Kraft ihrer Beobachtung und Erkenntnis setzen, sondern immer wieder gern ein Riesengebläse anwerfen, um billigen Wirbel zu verursachen? Damit ist die Diskussion abgewürgt, bevor sie begonnen hat und die gesellschaftlich nötigen Änderungen im Wattesack verstaut, bevor sie das bequeme Leben im Lande in Frage stellen könnten. Und keinem fällt auf, dass jene, die Sarrazin wegen seiner Gen-Thesen "Rassismus" vorwerfen, genau das gleiche betreiben. Großer Irrtum: Genausowenig, wie es jüdische, katholische oder islamische Gene gibt, kann es eine jüdische, katholische oder islamische Rasse geben. Religionen kann man wechseln wie Parteizugehörigkeiten. Die Gene bleiben davon unberührt. Oder sollte es ein uns noch unbekanntes Politiker-Gen geben? Eher ein Gähn, glaube ich...


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