München Stadt/ München Land | 01.09.2010
Jedes vierte Unternehmen in Deutschland war in den letzten drei
Jahren Opfer von Computerkriminalität. Noch alarmierender: 86 Prozent
der Unternehmen stufen e-Crime inzwischen als große Gefahr ein, allen
voran die Stützen der deutschen Industrie, der Maschinenbau und die
Automobilindustrie. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen
KPMG-Umfrage unter 500 Unternehmen in Deutschland.*
Unter e-Crime
werden wirtschaftskriminelle Handlungen unter Einsatz von Computer-
oder Kommunikationssystemen verstanden. Mit der zunehmenden Präsenz
solcher Systeme in unserer Unternehmenswelt und der voranschreitenden
globalen Vernetzung wachsen auch die Angriffsflächen der Unternehmen.
KPMG-Partner Alexander Geschonneck, Leiter des Bereichs Forensic
Technology: "Vor allem dort, wo es viel zu holen gibt, treten die
häufigsten Delikte auf. Wertvolle Konstruktionsunterlagen können mit dem
Handy abfotografiert, Millionen von Kunden- und Mitarbeiterdaten
ausgespäht und bequem auf einem USB-Stick oder einem iPod in der
Westentasche transportiert werden."
Häufigstes Delikt ist der
Diebstahl von Kunden- oder Arbeitnehmerdaten. 61 Prozent der von e-Crime
betroffenen Unternehmen waren in den letzten drei Jahren Opfer von
Datenraub. Ein weiteres hohes Risiko ist mit dem Diebstahl von
geschäftskritischem Know-how verbunden: Jedes zweite Unternehmen (52
Prozent) war davon betroffen.
Enorme Schadenshöhen
Erstmals
wurde in dieser Studie eine differenzierte Betrachtung der
Schadenshöhen vorgenommen. Anders als in früheren Untersuchungen wurden
nicht nur Angaben zu Schäden durch Systemausfälle gemacht, sondern auch
der betriebswirtschaftliche Verlust beziffert. Geschonneck: "Wir kommen
zu dem Schluss: Der Schaden, der der deutschen Wirtschaft pro Jahr durch
Computerkriminalität entsteht, geht sogar in den zweistelligen
Milliardenbereich und liegt damit deutlich höher als bisher angenommen."
Die in der KPMG-Studie ermittelten Schadenshöhen bei
e-Crime-Delikten können pro Einzelfall viele Millionen Euro betragen.
Das gilt vor allem für die Verletzung von Schutz- und Urheberrechten,
das Ausspähen von geschäftskritischen Unternehmensinformationen und
Datendiebstahl. Geschonneck: "Für ein mittelständisches Unternehmen kann
das das Ende seiner Existenz bedeuten."
Der Täter im eigenen Haus
Bisher
ging man davon aus, dass die größte Gefahr vom Spion aus dem Ausland
droht. Alexander Geschonneck: "Dieses Bild haben die befragten
Unternehmen deutlich korrigiert: 70 Prozent nennen in erster Linie
ehemalige Mitarbeiter oder Insider als Risikogruppe." Laut Umfrage kamen
in 48 Prozent der von e-Crime-Fällen tatsächlich betroffenen
Unternehmen die Täter aus dem eigenen Haus. In 24 Prozent der Fälle
waren es sonstige Insider. Insbesondere die folgenden Delikte werden von
Mitarbeitern verübt: Datendiebstahl bzw. Verletzung von Geschäfts- und
Betriebsgeheimnissen (jeweils 62 Prozent), Erpressung (60 Prozent),
Manipulation von Finanzdaten (58 Prozent) und Betrug (55 Prozent).
Unbekannte
Dritte sind an 47 Prozent der e-Crime-Delikte beteiligt. Sie sind vor
allem verantwortlich für Wirtschaftsspionage (70 Prozent), für die
Verletzung von Schutz- und Urheberrechten (56 Prozent), für
Computersabotage (ebenfalls 56 Prozent) oder für das Ausspähen bzw.
Abfangen von Daten (55 Prozent).
Das Angriffsrisiko aus fremden
Ländern ist in den einzelnen Branchen sehr unterschiedlich. Als nach wie
vor durch aufstrebende Wirtschaftsmächte besonders gefährdet müssen
exportintensive Bereiche wie der Maschinenbau, die Automobilindustrie
sowie die Elektronik- und Softwarebranche gelten. In der Umfrage werden
als Gefahrenquelle vor allem China (89 Prozent) und Russland (69
Prozent) genannt; zu ähnlichen Einschätzungen kommt auch das
Bundesministerium des Innern.
Nur jeder zweite Täter wird überführt
Die
KPMG-Studie hat ergeben, dass es nur in gut der Hälfte der Fälle
gelingt, die Täter zu ermitteln - unabhängig von Unternehmensgröße und
Branche. Alexander Geschonneck: "Damit bleibt die abschreckende Wirkung
einer hohen Aufklärungsquote auf der Strecke." Allerdings: Wenn Fälle
aufgedeckt werden, dann werden sie auch konsequent sanktioniert. So
haben 64 Prozent der von Computerkriminalität betroffenen Unternehmen
Delikte zur Anzeige gebracht, bei Großunternehmen lag die Quote sogar
bei 72 Prozent.
Prävention hinkt hinterher
86 Prozent der
Unternehmen beklagen, dass die Angriffe aus dem Netz immer komplexer
werden und die Spur immer seltener zum Täter zurückverfolgt werden kann.
Alexander Geschonneck: "In den letzten Jahren hat sich viel getan:
Firewalls und Antivirenprogramme als Standardschutz halten die e-Crime
Täter längst nicht mehr fern. Der größte Schaden entsteht allerdings,
wenn die Angriffe ganz gezielt auf relevante Geschäftsbereiche und
sensible Daten ausgerichtet sind - und dazu gehört in den meisten Fällen
eine gehörige Portion Insiderwissen um die wirklichen Schätze im
Unternehmen."
Um die Gefahren abzuwehren, wurde trotz Finanz- und
Wirtschaftskrise viel in die IT-Sicherheit investiert. Im Durchschnitt
haben die befragten Unternehmen ihre Stellen in diesem Bereich in den
vergangenen zwei Jahren um 50 Prozent aufgestockt. Maßnahmen zur
Sensibilisierung der Mitarbeiter sind heute fast überall gang und gäbe.
Aber nicht einmal jedes zweite Unternehmen (48 Prozent) überprüft
regelmäßig, ob die Verhaltensregeln auch tatsächlich eingehalten werden.
Geschonneck: "Das ist ein Alarmzeichen. Zwar ist das Wissen um
die mit e-Crime verbundenen Risiken in den Führungsetagen der
Unternehmen angekommen. Aber bei Prävention, Aufklärung und Reaktion
gibt es noch erhebliche Defizite." Um das Risiko und den Schaden durch
e-Crime-Delikte möglichst gering zu halten, empfiehlt er den Unternehmen
vor allem, den potenziellen Innentäter in das Schutzkonzept
einzubeziehen. Da, wo der interne Zugriff auf geschäftskritisches
Know-how möglich ist, müssen gesonderte Schutzmaßnahmen her. Außerdem
sollten regelmäßige Kontrollmaßnahmen durchgeführt werden; mit Hilfe von
Notfalltests sowie Schulungs- und Kommunikationsmaßnahmen kann das
Bewusstsein aller Mitarbeiter, Geschäftspartner und Kunden geschärft
werden. Klar definierte Prozesse im Unternehmen können helfen, auf einen
e-Crime Verdacht oder auf konkrete Vorfälle schnell und professionell
zu reagieren.
* Das Emnid-Institut hat im Auftrag der
Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG 500 Führungskräfte
aus Unternehmen aller Größenklassen und Branchen befragt. Etwa ein
Drittel davon sind (inhaber- oder familiengeführte) mittelständische
Unternehmen. Der Fragebogen wurde von KPMG mit Unterstützung des
Bundeskriminalamts (BKA) und des Bundesministerium des Innern (BMI)
konzipiert. Sie finden die "e-Crime-Studie 2010 - Computerkriminalität
in der deutschen Wirtschaft" unter www.kpmg.de