Goethe-Institut gewinnt in der Krise

Präsident Klaus-Dieter Lehmann: "Gute Ideen, klare Strukturen, partnerschaftliches Arbeiten"

München Stadt/ München Land | 09.12.2009

Präsident Klaus-Dieter Lehmann und Martin Wälde © Jens Winkler
Präsident Klaus-Dieter Lehmann und Martin Wälde © Jens Winkler

Der Präsident der größten deutschen Mittlerorganisation Klaus-Dieter Lehmann sieht es als positives Signal, dass die neue Regierung die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik als tragende Säule der deutschen Außenpolitik in den Koalitionsvertrag aufgenommen hat. "Besonders freue ich mich über die Feststellung im Koalitionsvertrag", so Lehmann bei der jährlichen Pressekonferenz des Goethe-Instituts in Berlin, "dass unserer Arbeit im Zeitalter der Globalisierung eine immer größere Bedeutung zukomme."


Er sehe die Zukunft des Goethe-Instituts deshalb optimistisch. "Wir teilen die Meinung der Bundesregierung, dass wir einen Beitrag zur Krisenprävention, zum Schutz der Menschenrechte und zur Förderung der Freiheit leisten. Aber das Goethe-Institut versteht sich nicht als Missionar oder Krisenmanager, sondern als aktiver Teil einer Lerngemeinschaft mit unseren internationalen Partnern, zur Entwicklung weiterführender gesellschaftlicher und kultureller Formen unseres Zusammenlebens."

Der Koalitionsvertrag verweise auch auf die Bedeutung der Förderung der deutschen Sprache, so Lehmann. Dies motiviere das Goethe-Institut weiterhin, mit viel Energie seine Sprachoffensive fortzusetzen: "Zum ersten Mal in der Geschichte des Goethe-Instituts hat das Auswärtige Amt eine wirklich zukunftsweisende Sprachinitiative ermöglicht." Weltweit würden 45 Millionen Euro dafür eingesetzt. In Zusammenarbeit mit der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen verfolge man das gemeinsame Ziel, weltweit 1500 Schulen zu gewinnen und zu fördern, die Deutsch auf hohem Niveau bis zur Hochschulreife vermitteln.

Das Goethe-Institut habe, so der Präsident, im vergangenen Jahr an wichtigen Standorten neue Präsenzen eröffnet: In Nowosibirsk und Luanda wurden neue Institute gegründet. Hinzu kamen Verbindungsbüros in Arbil im Nordirak und Ulan Bator, ein neuer Dialogpunkt in Gaza sowie neun Sprachlernzentren. Zudem ist seit 2009 das Goethe-Institut Partner von 175 deutsch-ausländischen Kulturgesellschaften in aller Welt. "Ob in China, in Indien, in Lateinamerika oder in den arabischen Ländern: Derzeit läuft es optimal. Für 2010 sind große Projekte geplant, etwa das Deutschlandjahr in Vietnam." Tendenziell müsse das Goethe-Institut aber, so Lehmann, auch sein Engagement in Europa wieder verstärken: "Ohne Nahkompetenz keine Fernkompetenz. Wir müssen die kulturelle Arbeit in Europa stärken, um künftig auf die Veränderungen in der Welt glaubhaft reagieren zu können."

Auch der Generalsekretär des Goethe-Instituts Hans-Georg Knopp betonte die zentrale Rolle Europas für die deutsche Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik: "Mit dem Vertrag von Lissabon wird der europäischen Außenpolitik eine neue Bedeutung verliehen. Dies gilt auch für eine europäische Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik, auch wenn hier eine Definition noch aussteht. Um der deutschen Perspektive auf europäischer Ebene ein angemessenes Gewicht zu geben, muss auch das Goethe-Institut in Europa stark und präsent sein." Mit der im kommenden Mai in Berlin geplanten Konferenz "Der Nachbar in mir" und dem Metropolenprojekt "The Promised City" lote das Goethe-Institut 2010 die nachbarschaftlichen Beziehungen in Europa aus.

Die Konferenz "Der Nachbar in mir" ist Auftakt einer internationalen, mehrjährigen Konferenzreihe. "The Promised City" nimmt die Verheißungen und Glücksversprechen der Metropolen des 21. Jahrhunderts als thematischen Ausgangspunkt für Künstler, Kuratoren und Wissenschaftler, die in internationalen Kooperationen neue Produktionen entwickeln. Realisiert werden sie ab Februar 2010 in Berlin, Warschau und Mumbai. Die indische Megacity ermögliche, so Knopp, "einen Perspektivwechsel, der den Blick auf unsere europäischen Fragestellungen bereichert und verändert." Damit sei das Projekt auch ein Beispiel für die neue Art der Programmarbeit, wie sie mit großer Kreativität in den Goethe-Instituten weltweit entwickelt werde. "Unsere Erfolgskriterien sind Partnerschaftlichkeit, Qualität und Nachhaltigkeit." Knopp nannte in diesem Zusammenhang auch das 2010 geplante Projekt "Amazonas - Musiktheater in drei Teilen". Es ist in langjähriger Zusammenarbeit mit Yanomami-Indianern, die im Amazonasgebiet leben, brasilianischen und deutschen Künstlern entstanden und reflektiert in einer Verbindung von Musiktheater, Medienkunst und Wissenschaft den Regenwald in all seinen Facetten. Koproduzenten sind unter anderen die Münchner Biennale, in deren Rahmen am 8. Mai 2010 die Uraufführung stattfindet, und das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) Karlsruhe. Aufführungen in Lissabon, São Paulo und Rotterdam folgen.

Zur finanziellen Situation des Goethe-Instituts äußerte sich der Kaufmännische Direktor des Goethe-Instituts Jürgen Maier: "Wir haben uns mit der Verkleinerung der Zentrale, der Stärkung der Auslandsinstitute und der Budgetierung so aufgestellt, dass wir unseren Auftrag höchst wirtschaftlich erfüllen. Er hoffe, so Maier, die Formulierung "bestmögliche finanzielle Ausstattung der Auswärtigen Kulturpolitik" im Koalitionsvertrag meine, dass der vergleichsweise kleine Haushaltsposten auch in Krisenzeiten den wachsenden globalen Herausforderungen angepasst werde. "Denn Sparpotentiale", so der Kaufmännische Direktor, "gibt es ohne Präsenz- und Qualitätsverluste definitiv keine mehr."

Zum Abschluss appellierte Lehmann an die deutsche Kulturpolitik, keinesfalls an der kulturellen Infrastruktur in den Kommunen und Ländern zu sparen: "Die Vielfalt, Qualität und Lebendigkeit unserer Kultur ist die Basis unseres Erfolges im Ausland. Deshalb intensivieren wir seit einiger Zeit auch die Zusammenarbeit mit den Städten und ihren kulturellen Einrichtungen. Wir vermitteln im Ausland nicht nur Inhalte, sondern auch Strukturmodelle - vom Kunstverein bis zum kommunalen Programmkino: Die Goethe-Mitarbeiter, egal ob sie in Jakarta, Nairobi oder Quito sitzen, erleben tagtäglich, wie viel Interesse in anderen Ländern daran besteht, vergleichbare Strukturen aufzubauen und wie sehr wir in dieser Hinsicht ein Vorbild sind."
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