München Stadt/ München Land | 25.08.2009

Antonella Mei-Pochtler
Frauen
erwirtschaften in den kommenden fünf Jahren 70 Prozent des weltweiten
Anstiegs der Haushaltseinkommen. Die Boston Consulting Group (BCG) interviewt 12.000 Frauen in 22
Ländern. Das Ergebnis: Frauen wollen mehr Zeit, mehr Unabhängigkeit und ihre Werte
im Alltag verwirklichen.
Sie treffen tausend Entscheidungen am Tag und halten alle Fäden
gleichzeitig in der Hand: Frauen haben weltweit ihre
Handlungsspielräume und Lebenswelten massiv erweitert – und sie
kämpfen um den doppelten Anspruch, ihre traditionell als "weiblich"
definierten Werte beizubehalten und sich in den modernen – bisher meist
Männern vorbehaltenen – Domänen noch besser zu behaupten. Die Zahl der
berufstätigen Frauen ist weltweit bereits auf 1 Milliarde gestiegen –
und sie wird in den kommenden fünf Jahren auf 1,2 Milliarden wachsen,
wie Experten der Boston Consulting Group (BCG) errechnet haben. Im
gleichen Zeitraum werden Frauen 70 Prozent der weltweiten Zunahme des
Haushaltseinkommens erwirtschaften.
Für Unternehmen, allen voran
Konsumgüterhersteller, liegt der Erfolg ihrer Produkte und Angebote
bereits weitgehend in weiblichen Händen. Frauen sind global für 70
Prozent (in Deutschland und Österreich sogar 72, in den USA 73 Prozent)
aller Konsumausgaben verantwortlich. Sie geben jährlich 12 Billionen
US-Dollar aus – bis 2014 wird dieser Wert auf 15 Billionen US-Dollar
klettern. Zu diesen Ergebnissen kommt eine aktuelle BCG-Studie, für die
das Beratungsunternehmen 12.000 Frauen aus 22 Ländern befragte.
Der alltägliche Mehrkampf ist in Deutschland am härtesten
Frauen wissen, was sie wollen:
Unabhängigkeit, berufliche Aufstiegschancen und finanzielle Sicherheit
plus Bindung, eine glückliche Familie und enge Freunde. Und sie wissen
nur zu gut, was ihnen – speziell in Deutschland – dazu fehlt. Zwar sind
mehr als 70 Prozent der deutschen Frauen mit ihrem Leben "im Großen und
Ganzen" zufrieden; doch nur gut die Hälfte dieser Frauen (38 Prozent) –
und damit deutlich weniger als der internationale Durchschnitt (58
Prozent) – blickt optimistisch in ihre Zukunft. In kaum einem anderen
Land hat sich die Rollenverteilung so stark erhalten wie in
Deutschland. Ein Großteil der berufstätigen Frauen bewältigt neben
ihrer Arbeit noch einen zweiten Vollzeitjob: Haushalt und Familie, die
– trotz Berufs- und Bildungskarrieren –, in der Rangliste der Werte
nach wie vor an erster Stelle stehen. Für 93 Prozent aller
Haushaltsaufgaben sind in Deutschland Frauen verantwortlich; zunehmend
zählen neben Einkaufen, Kochen, Kinderversorgen und Putzen auch
"männliche" Domänen wie Autopflege und kleinere Reparaturen zum
täglichen Mehrkampf. Frauen in Deutschland (und Frankreich) bringen
doppelt so viel Zeit für Familie und Kinder auf wie der internationale
Durchschnitt.
Der Preis für diese zwei
Vollzeitjobs ist hoch. Lange Arbeitstage, ständige Konflikte zwischen
den multiplen Anforderungen, Stress – und oft genug das Gefühl, nicht
"alles im Griff" zu haben. "Zeitknappheit" steht an erster Stelle der
Alltagsprobleme; jede dritte Frau (36 Prozent) ist mit ihrer
Stressbelastung unzufrieden; noch höher ist der Anteil derer, die über
"zu wenig Kontrolle" klagen. Knapp ein Viertel der Frauen (23 Prozent)
geben an, sich selten oder nie wirklich erfolgreich zu fühlen. Auch mit
ihrem Aussehen sind die meisten Frauen in Deutschland unzufrieden:
Gerade einmal 30 Prozent halten sich für "sehr attraktiv". Damit liegen
sie im Mittelfeld: In Russland finden sich mehr als die Hälfte der
Frauen (51 Prozent) "besonders schön"; in Japan sind es nur 7 Prozent.
Auf die Frage nach ihren größten
Wünschen für die Zukunft geben Frauen in aller Welt ähnliche Antworten:
Mehr Zuwendung, mehr Zeit, mehr Geld. Liebe und Freundschaft,
Selbstverwirklichung, eine bessere Work-Life-Balance und – speziell in Deutschland – mehr finanzielle Unabhängigkeit vom Partner
sowie Sicherheit im Alter führen die Hitliste der weiblichen
Lebenswünsche an.
Männerbranchen wie Banken und Versicherungen müssen sich umstellen
Für die Wirtschaft liefern die
Untersuchungsergebnisse Hinweise darauf, wo die Wachstumsmärkte der
Zukunft liegen und welche (weiblichen) Bedürfnisse sie – bislang –
vernachlässigt haben: "Unternehmen müssen Angebote entwickeln, die der
Alltagsrealität von Frauen, den vielen 'Fäden' in ihren Händen,
Rechnung tragen. Frauen leben längst in mehreren Welten gleichzeitig –
und brauchen Angebote, die ihre psychischen und physischen Belastungen
effektiv mindern", sagt Antonella Mei-Pochtler, Geschäftsführerin bei
BCG.
In der Wahrnehmung der weiblichen
Konsumenten gelingt dies bisher am ehesten Unternehmen aus der
Lebensmittel-, der Bekleidungs- und der Kosmetikindustrie. Andere
Branchen wie die Automobilindustrie, Versicherungen oder Banken
schneiden weitaus schlechter ab – knapp die Hälfte der Befragten gab
an, von den Unternehmen dieser Branchen sehr enttäuscht zu sein.
Unternehmen, die am Klischee festhalten, dass Frauen sich nicht für
Technik oder Geld interessieren, verschenken Wachstumschancen – und
ihre eigene Zukunft: "Die finanzielle Macht der Frauen steigt rasant –
Wirtschaft und Gesellschaft werden sich dadurch stark verändern. Jetzt
gilt es für die Unternehmen, sich schnellstmöglich darauf
einzustellen", sagt Mei-Pochtler.
Um die
Konsumentin der Zukunft zu gewinnen, kommt es darauf an, die Werte,
Wünsche und Aktivitäten ihres Alltagslebens im Zusammenhang zu sehen.
Eindimensionales Denken und schlichte Steigerungslogik führen in einer
zunehmend von weiblichen (Konsum-)entscheidungen geprägten
Wirtschaftswelt (erneut) in eine - männlich geprägte - Kriseführen.
Die vollständigen Ergebnisse der
Studie veröffentlichen die BCG-Geschäftsführer Michael J. Silverstein
und Kate Sayre in ihrem Buch "Women Want More: How to Capture Your
Share of the World's Largest, Fastest-Growing Market" (HarperBusiness,
erscheint im September 2009). Weitere Informationen unter
www.bcg.com/womenwantmore .
zurück drucken versenden verlinkenArtikel verlinken
Wenn Sie diesen Artikel von B4BOBERBAYERN.DE verlinken wollen, können Sie einfach den nachfolgenden HTML-Code auf Ihre Webseite einfügen:
© B4BOBERBAYERN.DE - Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Die Nachrichten sind nur für die persönliche Information bestimmt. Jede weitergehende Verwendung, insbesondere die Speicherung in Datenbanken, Veröffentlichung auf anderen Webseiten, Vervielfältigung und jede Form von gewerblicher Nutzung sowie die Weitergabe an Dritte - auch in Teilen oder in überarbeiteter Form - ohne Zustimmung von vmm wirtschaftsverlag gmbh & co. kg ist untersagt. | Impressum