München Stadt/ München Land | 06.04.2010
Frauen kommen nicht häufiger zum Orgasmus, wenn ihre
Partner wohlhabend sind. Zu diesem Schluss kommen die LMU-Forscher
Professor Torsten Hothorn und seine Mitarbeiterin Esther Herberich – und
widerlegen damit eine Studie, die letztes Jahr für Furore sorgte.
Die
statistische Auswertung einer Befragung von mehr als 1.500 Chinesinnen
durch britische und niederländische Forscher schien damals den Schluss
nahezulegen, dass die Partnerinnen reicher Männer häufiger einen
Orgasmus haben. Erst als Hothorn und Herberich die Originaldaten zu
Lehrzwecken erneut auswerteten, zeigte sich, dass dieses Ergebnis nicht
auf einem wirklichen Zusammenhang, sondern nur auf einem Fehler in dem
verwendeten Statistikprogramm beruhte. „Unsere Analyse hat gezeigt, dass
in erster Linie der Bildungsstand der Frauen, aber auch ihr
Gesundheitszustand und ihr Alter für die Anzahl der Orgasmen
verantwortlich sind“, berichtet Herberich. Diese Ergebnisse haben die
LMU-Forscher nun zusammen mit den Autoren der Originalpublikation
veröffentlicht. „Die Ausgangsstudie basiert auf öffentlich zugänglichen
Daten“, sagt Hothorn. „Das erhöht ihren wissenschaftlichen Wert
ungemein, weil unabhängige Forscher nur so die Ergebnisse überprüfen und
bestätigen können – oder eben auch widerlegen.“ (Evolution and Human
Behavior online, März 2010)
Diese Meldung ging um die Welt: Chinesische Frauen erleben mit
wohlhabenden Partnern mehr sexuelle Höhepunkte. Thomas V. Pollet von der
niederländischen Universität Groningen und Daniel Nettle von der
Newcastle University in Großbritannien hatten dafür die Daten von 1.534
Chinesinnen ausgewertet, die in der Studie „Chinese Health and Family
Life Survey“ (CHFLS) ausführlich über ihr persönliches Leben Bericht
erstattet hatten. Die Ergebnisse seien auch auf westliche Länder
übertragbar, folgerten die Wissenschaftler und lieferten gleich eine
biologische Erklärung für das kontrovers diskutierte Ergebnis: Manchen
Evolutionstheorien zufolge zeige der weibliche Orgasmus an, dass eine
Frau einen guten Partner gefunden habe – und ein hohes Einkommen mache
schließlich begehrenswert und attraktiv.
Zu Lehrzwecken werteten Hothorn und Herberich die Daten erneut aus,
konnten das Ergebnis aber nicht replizieren. Vielmehr zeigte sich, dass
die ursprüngliche Schlussfolgerung auf einem Fehler in dem verwendeten
Statistikprogramm beruhte.
„Letztlich wurde dadurch aus einer Vielzahl
von statistischen Modellen ein falsches als das am besten passende
ausgewählt“, sagt Herberich, die sich in ihrer Diplomarbeit mit den
Berechnungen beschäftigte. „Als wir dann das statistisch angemessene
Modell betrachteten, ergab sich ein völlig anderes Bild: Die
Orgasmushäufigkeit der Frauen hängt am stärksten mit ihrem
Bildungsniveau, aber auch mit ihrem Gesundheitszustand und dem Alter
zusammen. Jüngere und gesündere Frauen berichteten über häufigere
sexuelle Höhepunkte als ältere und wenig gesunde. Das Einkommen des
Partners erwies sich dagegen als unbedeutende Variable in diesem
Zusammenhang.“
Zusammen mit den Autoren der Originalpublikation veröffentlichten die
LMU-Forscher nun die neuen Ergebnisse. „Diese Korrektur war nur
möglich, weil die ursprüngliche Studie von Pollet und Nettle auf
öffentlich zugänglichen Daten basierte“, sagt Hothorn. „Anders hätten
wir ihre Schlussfolgerungen nicht überprüfen können. Es sollte daher
wissenschaftlicher Standard werden, sowohl die Originaldaten als auch
die statistischen Analysemethoden zusammen mit den Ergebnissen zu
veröffentlichen. Auf diese Art wäre der Weg, auf dem Schlussfolgerungen
gezogen werden, für jedermann nachvollziehbar.“
Publikation:
„A re-evaluation of the statistical
model in Pollet and Nettle 2009”;
Esther Herberich, Torsten Hothorn,
Daniel Nettle, Thomas V. Pollet;
Evolution and Human Behavior, Band
31, S. 150–151, März 2010;
doi:10.1016/j.evolhumbehav.2009.12.003zurück drucken versenden verlinkenArtikel verlinken
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