Alphaform AG

Bandscheiben in Leichtbauweise und andere neue Marktchancen

Weilheim-Garmisch | 15.02.2011

Dr. Thomas Vetter, CEO Alphaform AG
Dr. Thomas Vetter, CEO Alphaform AG

Vor gut zwei Jahren hat der Alphaform-Konzern seine Neuausrichtung gestartet. Mit dem Umzug und Ausbau des Werks in Eschenlohe hat der Auftragsfertiger für komplexe Bauteile und Produkte in kleinen Losgrößen jetzt einen wichtigen Meilenstein in der Entwicklung gesetzt – und den Anspruch untermauert, eine „erste Adresse für Rapid Manufacturing und Rapid Prototyping“ in Europa zu sein.

„Überall, wo entwickelt wird“, sieht Vorstandschef Dr. Thomas Vetter Marktchancen für sein Unternehmen. Etwa 2000 bis 3000 Kunden europaweit können aus seiner Sicht das umfangreiche Anwendungs-Knowhow in Anspruch nehmen, das Alphaform bei Prozessen und Materialien für die schnelle Produktion von komplexen Prototypen, Werkzeugen, Einzelbauteilen und Kleinserien aus Kunststoff und Metall anbietet. Ursprünglich in der Automobilindustrie zuhause, die noch heute rund 27 Prozent zum Umsatz beisteuert, ist das im Prime Standard der Frankfurter Wertpapierbörse notierte Unternehmen mit Hauptsitz in Feldkirchen bei München inzwischen eifrig im Markt für Medizintechnik und Orthopädie unterwegs. „Wir mussten uns breiter aufstellen“, bilanziert Vetter, „und unsere aufbauenden, werkzeuglosen Schichtverfahren noch stärker industrieorientiert einsetzen.“

Die Übernahme der renommierten MediMet GmbH hat hier 2008 die Türen zu einem Markt mit einem europaweiten Volumen von rund 70 Mrd. Euro weit aufgestoßen – und hilft nun die „schmerzliche“ Lücke schließen, die mit dem Rückzug von Toyota und BMW im ehemals sehr starken Formel-1-Geschäft  entstanden ist. Insgesamt vollzieht sich in der Automotive-Branche derzeit nach Vetters Angaben ein tiefgreifender Wandel. Einfachere Prototypen werden unternehmensintern gefertigt, Zeit- und Preisdruck nehmen zu. „Wir profitieren hier von unserem breiten Knowhow bei Prozessen und Materialien“, gibt sich der Vorstandschef indes zuversichtlich, auch künftig ein großes Stück vom Kuchen zu ergattern.

Die stärksten Chancen – branchenübergreifend und Hightech-orientiert – sieht man bei Alphaform indes im Rapid Manufacturing. Gerade das gegen den Trend mitten in der Wirtschafts- und Finanzmarktkrise errichtete Werk in Eschenlohe zeige beispielhaft, wohin der Weg in Zukunft führt. Zwar stecke der Markt für die sogenannten Additiven Fertigungsmethoden noch in den Kinderschuhen. Doch wachse er weltweit mit ordentlichen, zweistelligen Prozentraten und werde „in den nächsten Jahren das heutige Marktvolumen im Rapid Prototyping deutlich übersteigen“, sagte Vetter. Zumal das Prototypinggeschäft sehr volatil sei und eine langfristige Planung nicht zulasse: „Wir wissen nicht, was in vier bis sechs Wochen läuft.“ Die Perspektiven für Alphaform lägen daher in einer Mischung aus Serienfertiger für Hochtechnologie-Bauteile – künftig auch in der Luft- und Raumfahrt – einerseits sowie in einem ausgefeilten Geschäftsmodell als „Service Provider“ für Rapid Prototyping, wodurch beide Bereiche einander zuarbeiteten.

Gerade die Medizintechnik mit ihren laufenden Innovationsschüben greife eifrig auf die Möglichkeiten zurück, die ihnen eine ausgefeilte Fertigungstechnik biete. So könnten zum Beispiel Schicht für Schicht aufgebaute Bandscheiben-Implantate heute mit einer äußerst stabilen Gitternetzstruktur versehen werden, die frühere Fräsverfahren nicht zuließ – bei einem gleichzeitigen Gewichtsverlust von 60 Prozent. Auch bei künstlichen Kniegelenken trage die additive Fertigungsmethode zu mehr Leistungsfähigkeit und Flexibilität bei, wie sie mit traditionellen Verfahren nicht erreicht seien.

Das mitunter auch als „Drucken“ von Werkteilen bezeichnete Verfahren (computergesteuert werden dünnste Materialschichten übereinander aufgetragen, bis das fertige, dreidimensionale Werkstück steht) übertreffe heute schon die bisherigen Möglichkeiten und stehe diesen in der Qualität in nichts nach: „Gerade die zusätzliche Designfreiheit macht sich bezahlt, weil sie zum Beispiel Energie und Gewicht sparen hilft. Die hier mögliche Leichtbauweise ist konventionell so gar nicht mehr herzustellen.“

Obwohl ursprünglich nur für das Prototyping entwickelt, sind die additiven Bauweisen inzwischen serienreif. „Die Hersteller haben Vertrauen gefasst“, sagt Vetter. Zudem stünden neue Maschinengenerationen vor der Tür, die deutliche Produktivitätssprünge versprächen. So erwartet denn auch nach dem voraussichtlich knapp ausgeglichenen Ergebnis von etwas mehr als 20. Mio. Euro für 2010 (EBITDA ca. 800.000 Euro) der gerade neu installierte Finanzvorstand Dr. Gordon Guth für die nächsten Jahre ein Wachstum, das sich auf vier Säulen stützt: dem Zugang zum Medizintechnik-Markt, dem Ausbau der Metallkompetenz, dem Fokus auf Kunststoffanwendungen für Medizingeräte und der verstärkten Serienproduktion. Er erwartet ab 2011 ein „profitables Geschäft mit einer Rohmarge über 5 Prozent“.

Das inzwischen vervollkommnete Konzept eines „one-stop-shoppings“ für die Kunden und die Position an der europäischen Marktspitze schaffen aus seiner Sicht auch interessante Phantasien für Investorenkreise, in denen das Unternehmen nach einem Analystenkommentar der VEM Aktienbank bisher als „nahezu unentdeckt“ gilt: Weltweit sei Alphaform das einzige börsennotierte Rapid Manufacturing-Unternehmen. Die sich schnell entwickelnde Technologie benötige laufend Investitionen, wobei Alphaform über Kapitalrücklagen von mehr als 11 Mio. Euro verfügt. Weitere marktöffnende Akquisitionen wie im Fall MediNet, so Vorstandschef Vetter, seien ebenfalls denkbar.    
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