Weilheim-Garmisch | 12.02.2011

Christian Neureuther (rechts) lässt sich von DLR-Projektleiter Johann Heindl (links) das Simulationsprogramm am Computer genau e
Das Deutsche Zentrum für Luft-und Raumfahrt (DLR) hat
für die Alpine Ski WM 2011, die vom 7. bis 20. Februar in
Garmisch-Partenkirchen stattfindet, eine ganz besondere Simulation
entwickelt: die Skiabfahrt der "Kandahar"-Rennstrecke in 4D. Von
Roboterhersteller KUKA gebaut und vor Ort präsentiert, lässt das
Hightech-Fahrgeschäft seine Passagiere die gefürchtete Abfahrt mit allen
Sinnen erleben - 3.300 Meter in knapp drei Minuten.
In den Gondelsitz des Simulators lehnen, die Haube mit Schulterriegel
einrasten lassen und es kann losgehen: Am Bildschirm geht es rasant den
Abhang hinunter, die Piste knirscht aus dem Soundsystem und der
Fahrtwind bläst über Ventilatoren ins Gesicht. Für das echte Fahrtgefühl
legt die Gondel sich in jede Kurve, hebt zu jedem Sprung mit ab, setzt
zur Landung wieder auf und gleitet weiter bis zur umjubelten Einfahrt in
den Zielraum - wie die Weltmeister.
Davon überzeugte sich auch Christian Neureuther. Der ehemalige
Skirennläufer aus Garmisch-Partenkirchen hat sich den 4D Simulator im
WM-Pressezentrum gleich zu Beginn zeigen lassen. Von den Möglichkeiten
des weltweit einzigen Passagier-Roboters zeigt Neureuther sich
beeindruckt. Das Urteil des Profis nach der Probefahrt: "Eine
Mordsgaudi".
Eine Frage der Programmierung
Der Fahrspaß ist selbstverständlich ungefährlich. Eine Frage
beschäftigt die Besucher am Stand in WM-Pressezentrum dennoch: Wird mir
im Simulator vielleicht schlecht? Projektleiter Johann Heindl vom
DLR-Institut für Robotik und Mechatronik in Oberpfaffenhofen kennt diese
Sorge und erklärt: "Es ist eine Frage der Programmierung. Unser
Gleichgewichtssinn merkt genau, wenn Bild- und Bewegungsinformationen
nicht zueinander passen. Je größer der Unterschied ist, desto schlechter
bekommt uns das. Damit die Fahrt jeder genießen kann, haben wir die
Bewegungsabläufe des Roboters deshalb auf die Millisekunde genau mit dem
Videofilm synchronisiert".
Wie entsteht eine Simulation?
Die Programmierung erfordert Tatkraft und Fingerspitzengefühl. So
beginnt jede Simulation zunächst mit einem Einsatz in Echtzeit. Für das
Kandahar-Programm haben sich ehemalige Skirennläufer, der
österreichische Hans Knauß sowie der deutsche Max Rauffer, in den Abhang
gewagt - ausgestattet mit Kamera und einem Multisensorsystem zur
Bestimmung von Beschleunigung, Drehgeschwindigkeit, Orientierung und
Position.
Die über drei Kilometer lange Abfahrt muss nun auf den Roboter
abgebildet werden. Der Ansatz, den Streckenverlauf einfach auf den
Bewegungsbereich des Roboters zu skalieren, scheidet aus. Bei der
Umsetzung würde die Passagiergondel sich nur im Millimeter-Bereich
bewegen. Stattdessen nutzen die DLR-Wissenschaftler die
Erdbeschleunigung, um das Fahrgefühl zu erzeugen: Kippt die Gondel nach
hinten, haben die Insassen das Gefühl es gibt eine starke Beschleunigung
nach vorne. Kippt die Gondel nach vorne, wirkt das wie eine Bremsung.
Kurze Beschleunigungen werden über einen Schwenk des Roboterarms
vermittelt. So kann der Simulator die gesamte Rennstrecke "nachfahren".
Die Ingenieure des DLR-Instituts für Robotik und Mechatronik haben
verschiedene Algorithmen entwickelt, um die Bewegungen automatisch
umzurechnen. "Die meiste Arbeit steckt aber in der manuellen
Feinabstimmung. Einstellungen wie Geschwindigkeit oder Fahrdauer regeln
wir bei besonderen Manövern einzeln nach", so Heindl. Selbsterfahrung,
Geduld und ausgeprägtes räumliches Vorstellungsvermögen sind dabei der
Schlüssel zum Erfolg.
Die Konstruktion
Schließlich geht es an die Konstruktion der eigentlichen Anlage.
Diese Aufgabe hat KUKA übernommen. Das Unternehmen aus Augsburg besitzt
als einziger Roboterhersteller weltweit eine Lizenz zur
Personenbeförderung. Der 4D Simulator hat einen Arbeitsbereich von
mehreren Kubikmetern. Dazu braucht er einen Sicherheitsbereich von elf
Metern Durchmesser und sieben Metern Höhe. Damit das 2.500 Kilogramm
schwere Hightech-Fahrgeschäft auch einen sicheren Stand hat, besteht das
Fundament aus einer ausgeklügelten Stahlkonstruktion. Einige Teile des
Roboterarms sind aus einem sehr leichten aber hochfesten Aluminiumguss
gefertigt. An seinem Ende schwenkt der Arm dann die Doppelsitz-Gondel
über sechs Bewegungsachsen. Der Simulator kann so bis zu 500 Kilogramm
in jede Richtung frei bewegen.
Interaktive Möglichkeiten
Neben der Kandahar-Skiabfahrt bieten das DLR und KUKA noch drei
weitere Simulationen an: eine Viererbob-Abfahrt im neu gestalteten
Eiskanal am Königssee, einen Lawinenabgang in einem französischen
Skigebiet sowie einen Überflug über Garmisch-Partenkirchen und das
Zugspitzmassiv. Für den Überflug kam ein neues Berechnungsverfahren aus
dem DLR zur dreidimensionalen Prozessierung von Stereobildern in
Hochauflösung zum Einsatz. Das aus diesen Daten resultierende Video
entstand in Zusammenarbeit mit 3D RealityMaps.
Für die Ski WM in Garmisch-Partenkirchen wurden die
Roboterbewegungen perfekt auf die Videos abgestimmt, damit das Programm
mit einem Startsignal abgerufen werden kann. In erweiterter Form bietet
der Simulator überdies Möglichkeiten zur Interaktion: Bei dem
Simulatorsystem auf dem DLR-Gelände in Oberpfaffenhofen kann ein
Fahrgast den Roboter über eine speziellen Joystick selbst steuern,
beispielsweise in der Flugsimulatorversion. Neue Bahnplanungsalgorithmen
machen sogar Kunstflugmanöver möglich. Skifahren wie ein Weltmeister
oder Fliegen wie ein Kunstpilot - mit den Simulatoren von Heute kein
Problem. Was ist wohl in der virtuellen Welt von Morgen möglich?
FOTO: Christian Neureuther (re.) lässt sich von DLR-Projektleiter Johann Heindl (li.) das Simulationsprogramm erklären. Foto: DLRzurück drucken versenden verlinkenArtikel verlinken
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